Die fünf Stadien des Hörverlustes

 
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Wenn man mit elf Jahren einer Rockband beitritt, kann das auf lange Sicht für die Ohren nur eine Katastrophe bedeuten - das liegt auf der Hand. Nach zahllosen Sessions, bei denen meine kleinen Punk-Komplizen unsere Verstärker krachen ließen und die Instrumente malträtierten, blieb mir ein permanentes Klingeln in beiden Ohren zurück. Tinnitus ist furchtbar, keine Frage, aber wer sich dem Leiden nicht in der Stille aussetzt, kann sich daran eventuell irgendwie gewöhnen.

Tagsüber muss man sich geradezu anstrengen, um den Brummton zu vernehmen, weil die Geräusche der Stadt und sogar das Singen der Vögel ausreichen, den monotonen Klang zum größten Teil zu überblenden. Das wirklich Schlimme sind die Nächte, wenn man versucht, in den Schlaf einzutauchen. Jeder Leidtragende hat dafür seine eigenen individuellen Gegenmittel, das eingeschaltete Radio zum Beispiel, Meditation oder den klassischen hysterischen Weinkrampf bis zur völligen Erschöpfung. Für mich war es immer die Musik, die mich in den nächtlichen Stunden der Not gerettet hat.

Kurz gesagt, ich habe im reifen Alter von siebenundzwanzig Jahre erkannt, wie empfindlich, einzigartig und besorgniserregend das eigene Hörprofil sein kann. Es ist ein seltsames und belastendes Gefühl, sich seiner ersten Hörprobleme bewusst zu werden. Und noch seltsamer ist, dass die fünf Stadien von Kummer und Verlust fast immer gleich verlaufen.

 

Die fünf Stadien des Hörverlusts

Am Anfang steht das Verleugnen des Problems. „Ich kann gar keine Hörschwäche haben, ich bin zu jung.“ „Diese Klingeln in meinem Ohr wird BESTIMMT in ein oder zwei Wochen wieder verschwunden sein.“

Mit diesen beiden Mantras des Selbstbetrugs tröstete ich mich gutgläubig über ein paar Jahre hinweg. Das Ego kann in dieser Hinsicht ein starker, leider aber unvernünftiger Helfer sein.

Als nächstes folgt der Ärger darüber, ein Problem zu haben. Auch in dem oben erwähnten Zitat wird schon Unmut ausgesprochen, jetzt aber kommen eine Menge Ausrufezeichen hinzu. Das eigene Ego wird jeden beschuldigen, außer sich selbst und alles verfluchen, wo Du lauten Geräuschen ausgesetzt warst. „Ich fasse es nicht, dass sie in Nachtclubs Lautsprecher von dieser Größe erlauben.“ „Warum brauchen Bands eigentlich überhaupt Schlagzeuger?!“ Du wirst alles mögliche denken und behaupten, nur um die entscheidende Einsicht zu vermeiden: Du selber bist für die Schädigung deines Gehörs verantwortlich. Und du wirst nicht gerne an die Zeiten zurückdenken, als du noch gesagt hast: „Ach, Ohrstöpsel sehen doch wirklich blöd aus!“

Feilschen ist das nächste Stadium von Kummer und Hörverlust. Es beginnt dann, wenn du begreifst, dass Tinnitus auf fast schon groteske Weise allen Behandlungsversuchen widersteht. Andererseits wirst du dir während der Phase des Feilschens einreden, dass ein medizinischer Durchbruch kurz bevorsteht, dass die Forschung neue Wege beschreitet und 6 du bist bereit, alles zu erbetteln, zu stehlen oder jeden Kredit aufzunehmen, um davon zu profitieren. Was das Stadium der Depression angeht, genügt der Hinweis auf die bereits erwähnte Option des hysterischen Weinkrampfs. Am Ende steht schließlich die Einsich, dass du tatsächlich nicht mehr so gut hörst wie zuvor. Das ist das Stadium des Hörverlusts, in dem du dir eingestehst, dass es für den Tinnitus keine schnelle Heilung gibt, dass du wahrscheinlich nie wieder wie gewohnt Clubs und Konzerte genießen kannst und dass Ohrenstöpsel von nun an ein wesentlicher Teil deines Lebens sein werden.

 

Es gibt Hoffnung

Dass Hörverlust nicht mehr unbedingt von den fünf Stationen von Kummer und Qual begleitetet wird, verdanken wir technologischen Durchbrüchen. Die Art, wie wir Musik und die Welt um uns herum akustisch wahrnehmen, hat sich dramatisch verändert. Das heißt, es gibt wieder Hoffnung für meine hörgeschädigten Leidensgenossen, wieder die Kontrolle darüber zurückzuerlangen, wie und was sie hören. Dank der Smartphones, die für fast alle Aspekte des modernen Lebens Bedeutung gewinnen, können wir jederzeit auf Musik, Google und zahllose Apps zugreifen, angefangen bei dummen kleinen Spielereien bis hin zu Anwendungen, die das Leben verändern können.

Ruby Bouwmeester