Von Trompeten bis zur Digitalisierung: Eine Geschichte der Hörgeräte

Hörgeräte geistern seit dem frühen 18. Jahrhundert in skurriler, komischer oder wahrlich erfindungsreicher Form durch die Geschichte. Hier wollen wir die besten Beispiele für jede dieser Kategorien genauer betrachten und damit einige praktisch unbekannte Visionäre auf diesem Gebiet vorstellen.

 

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Zum Glück ein Abbild der Vergangenheit.

DIE ERSTEN TROMPETER

Bevor die Trompete (engl.: trumpet) durch die Verwandtschaft ihrer ersten Silbe mit einer äußerst umstrittenen Präsidentschaft befleckt wurde, war sie als Blechblasinstrument ebenso wie als Vorbild für den Hörtrichter, das allererste Hörgerät, hoch angesehen.

Ursprünglich wurden diese sperrigen Hörhilfen aus Messing von Instrumentenbauern für einzelne schwerhörige Kunden hergestellt. Der Hörtrichter war eigentlich tragbar, obwohl er eher einem schweren Grammophon glich, das man herumschleppen musste - nicht gerade stilvoll oder bequem, worüber Hipster heutzutage allerdings anderer Meinung sein könnten. 

Im Jahr 1800 jedoch stieß Frederick C. Rein, der erste kommerzielle Hersteller des Hörtrichters, auf ein unübersehbares Problem. Anstatt das Leiden seiner schwerhörigen Kunden zu verbergen, hob der Hörtrichter den peinlichen Umstand eher wie mit Fanfarenstößen hervor. Daher machte es Rein zu seinem höchsten Ziel, ein diskreteres Hörgerät zu entwickeln. 


DER KÖNIG, DER THRON UND DIE LAUSCHENDEN LÖWEN

König Johann VI. von Portugal beauftragte Rein, ihm zu helfen, die Worte seiner Berater besser zu hören. Er wollte keinesfalls durch ein geistesabwesendes Nicken oder aus eitlem Zufall heraus auf Grund seines Gebrechens einen Krieg auslösen. Das Ergebnis war ein  Sessel, versehen mit goldenen Löwenköpfen, in deren offenen Rachen sich ein verlängertes Hörrohr versteckte, das kunstreich in die Lehne des Throns hinaufgeführt wurde und es dem König ermöglichte, jeden der redend vor ihm stand ohne Schwierigkeiten zu verstehen. 


Der Thron war eine geniale Erfindung, zweifellos. Allerdings bildete die Kundschaft der schwerhörigen Könige auf dem Markt bestenfalls eine kleine Nische. Darum macht sich Rein mit gutem Grund daran, praktischere und kommerziell gängigere Produkte für größere Kundenkreise zu entwickeln. Die Krone seiner Errungenschaften (und das ist kein Kalauer) war  ein von ihm entworfener Kopfbügel, bekannt als „Aurolese Phones“, der sich unsichtbar am Kopf anbringen ließ und ein Hörrohr zum Ohr führte.


HÖREN WIRD ELEKTRIFIZIERT

In der Ära von Reins einfallsreichen Entwürfen waren es noch akustische Tricks, durch die Schwerhörige, die Geräusche in ihrer Umgebung verstärkten. Mit der Erfindung von Telefon und Mikrophon jedoch eröffneten sich völlig neue Wege des Hörens, die für die Entwicklung von Hörgeräten entscheidend werden sollten. Miller Reese Hutchison (ein Mann von solcher Bedeutung, dass ihm drei Nachnamen gebühren) erfand 1898 mit dem Akouphone das erste elektrische Hörgerät. Das Akouphone bestand aus einem Kohlemikrofon, das Schallwellen in elektrische Tonsignale verwandelte und dabei schwache Schallwellen verstärkte, wobei aus einem Murmeln hörbare Stimmen wurden. Das Gerät sah aus wie das Amateurfunkgerät eines Lastwagenfahrers, das durch ein unsichtbares Kabel mit dem Ohr verbunden wurde. Verglichen mit den zierlicheren Designs von Rein war das nicht gerade eine riesige Verbesserung, doch dieser entscheidende Schritt erschloss den Weg in ein neues Zeitalter des Hörens.


EINE WELT DER FORTSCHRITTE  - VOM WELTKRIEG ERMÖGLICHT

Zwischen 1898 und 1944 wurden auf dem Gebiet der Hörgeräte relativ wenige Fortschritte gemacht. Von dem Schiffsingenieur Earl Hanger wurde 1920 ein Vakuumrohr entwickelt, das Sprache in elektrische Signale umwandelte die dann, ähnlich wie bei Hutchisons Entwurf, verstärkt wurden. Unternehmen wie Siemens verbesserten Hutchisons Geräte und es wurden weitere ähnliche Apparate auf den Markt gebracht, bei denen es immer darum ging, die vorhandenen sperrigen Konstruktionen zu verfeinern und die Hörgeräte zu verkleinern. 

Fortschritte, die wie eine Bombe einschlugen (der letzte Kalauer, ich verspreche es), wurden durch die riesigen technologischen Entwicklungen während des Zweiten Weltkriegs ermöglicht. Ja, so ist es, derselbe Krieg, mit dem Völkermord, Chaos, Terror und die Atombombe einhergingen, hat auch beträchtliche wissenschaftliche und medizinische Fortschritte hervorgebracht, die uns heute selbstverständlich erscheinen. Penizillin, die Mikrowelle, Funknavigation und der Computer, all das sind Entwicklungen verzweifelt entschlossener Wissenschaftler, die rund um die Uhr arbeiteten, um den Krieg zu gewinnen und der Vernichtung zu entgehen, was den Stress bei der Vorbereitung einer Produktpräsentation in ganz neuem Licht erscheinen lässt. Auf praktisch allen Gebieten der Forschung wurden entscheidende und rasche Fortschritte gemacht und dabei bildeten die Hörgeräte keine Ausnahme. Als Ergebnis der wissenschaftlichen Fortschritte durch den Krieg wurden die Entwicklungen effizienter, wirksamer und kleiner. Ja, tatsächlich durch den Krieg, hurra?! Aber lassen wir die zweifelhaften philosophischen Bedeutungen dieser Feststellung hinter uns und wenden uns den Glanzzeiten der Entwicklung auf dem Hörgerätesektor zu.

DAS DIGITALE OHR

Historiker meinen, dass dem genialen britischen Wissenschaftler Alan Turing das Verdienst zukommt, den Zweiten Weltkrieg durch seine Arbeit möglicherweise um ein ganzes Jahr verkürzt zu haben. Turing entwickelte eine Maschine,  genaugenommen den ersten mechanischen Computer, die dazu diente, verschlüsselte Telegramme des Feindes zu entziffern, um auf dessen Angriffe insgeheim vorbereitet zu sein. Computer haben sowohl die Welt insgesamt verändert als auch unsere Art zu hören.

Vermittels eines Großrechners digitalisierte Bell Telephone Laboratories Anfang der 1960er Jahre erfolgreich Sprache und Audiosignale. Obwohl der Prozess mühselig langsam  vor sich ging, zeichnete sich damit immerhin eine ferne Hoffnung auf digitalisierte Hörgeräte ab.  

Der Mikroprozessor hatte seinen Auftritt in den 70er Jahren. Das Sechs-Kanal-Hörgerät, entwickelt von Daniel Graupe – während er zweifellos mit Killer-Koteletten und Flanellhosen dem Rock ‘n‘ Roll huldigte -, erlaubte es dem Benutzer erstmals in der Geschichte, das eigene Hörerlebnis in nennenswertem Maß zu regulieren. Es benutzte die Methode der Amplitudenkompression, um Audiosignale in verschiedene Frequenzbänder aufzuspalten, wodurch Außengeräusche nach dem Wunsch des Benutzers leiser oder lauter reguliert werden konnten. Was man zuvor für Science Fiction gehalten hätte, wurde nun Wirklichkeit: Menschen konnten ihr Hörerlebnis durch Knopfdruck verändern. 

Die 1980er brachten uns Blondie, Teenage Mutant Ninja Turtles und Scarface … und außerdem Thatcher, Reagan und Fitness-Videos von Celebrities – eine bunte Mischung, könnte man sagen. Außerdem entstand mit den Mini-Computern die Möglichkeit, Töne in Echtzeit zu digitalisieren. Dadurch konnten Hörgeräte die Außengeräusche der Umgebung interpretieren und den Ton je nach dem Bedarf des Nutzers zu jeder Zeit verändern. 1982 wurde an der City University of New York ein Gerät entwickelt, das erstmals Radiowellen auf einen Computer übertragen konnte. 1989 wurde ein Hörgerät herausgebracht, das hinter dem Ohr Platz hatte. Widex produzierte 1996 das erste kommerziell erfolgreiche vollständig digitale Hörgerät. Mit diesem digitalisierten Hörtrichter war das moderne Hörgerät geboren!   


DIE ZUKUNFT WIRD SOGAR NOCH BESSER KLINGEN

Angesichts der Einführung digitaler Apps durch Unternehmen wie Apple und der Genehmigung der ersten Hörgeräte-App „Listen App“ durch die FDA  kann der Einfluss von Smartphones auf die Welt des Hörens gar nicht überschätzt werden. Ein einziger Ohrhörer kann ohne weiteres genügen, um die Außenwelt akustisch wahrzunehmen. Und darüber hinaus können sich Nutzer nun für den Download von Apps wie etwa von Mimi Hearing Technologies entscheiden. Damit können sie ihr Hörerlebnis regulieren und an ihre individuellen Bedürfnisse anpassen.

Tatsächlich leben wir in einer Zeit, die für das Hören so vorteilhaft ist wie noch niemals zuvor in der Geschichte. Mit der Hörgerätetechnologie, an der wir heute arbeiten, kommt die lange Reise der Menschen zum perfekten Klang an ihr Ziel. Nur eines ist schade: Dass es nie mehr möglich sein wird, sich auf einem mit Löwen geschmückten Thron niederzulassen, der mit Hörtrichtern ausgestattet ist.